Manifest
Über dieses Manifest
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Disclaimer
Die Existenz des feministischen Streikhauses ist als temporäre Zwischennutzung unmittelbar bedroht.
Ähnlich wie andere politische Bewegungen und Freiräume hat es die Eigenschaft,
"sich fortzuentwickeln und auch wieder aufzulösen. Dadurch besteht die Gefahr, dass auch das Wissen, das sich dort angesammelt hat, aus dem kollektiven Gedächtnis nicht nur der Freien Szene, sondern der Gesellschaft insgesamt verschwindet."
Das Manifest ist im Kollektiv entstanden, es waren aber nicht alle der Arbeitsgruppe anwesend. Deshalb hat unser Manifest keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird laufend überarbeitet.
Zürich, August 2025
Wer wir sind
Das archiv115 sammelt analoge und digitale Materialien im und um das feministische Streikhaus in Zürich, bewahrt sie auf und macht sie zugänglich.
Das Streikhaus ist ein unkommerzieller Freiraum von und für FLINTAQ Personen. Im Streikhaus bewegen sich viele unabhängige Gruppierungen und Kollektive, die Aktionen und Veranstaltungen planen und umsetzen.[1]
Das archiv115 ist eine Arbeitsgruppe vom Streikhaus. Wir sind kollektiv und konsensbasiert[2] organisiert, mit wechselnden Mitgliedern und wechselnden Zuständigkeiten.
Damit der Aktivismus im Streikhaus erinnert wird und gemeinsam entstandenes Wissen nicht verloren geht, wollen wir möglichst viel davon in unserem Archiv aufbewahren. Das ist umso wichtiger, als feministisches Wissen und Tun in der Mehrheitsgesellschaft – so auch in institutionellen Archiven – weniger sichtbar ist. In diesem Sinn ist das archiv115 auch ein Instrument der Ermächtigung, das versucht, eine Gegenerzählung zu schaffen und Wissen für zukünftige Kämpfe aufzubewahren.
Wieso ein feministisches Archiv
Das archiv115 knüpft an über 50 Jahre autonomer Archive an. Sie waren Räume des freien Wissensaustauschs, fern von Universitäten und kapitalistischen Medien. Doch braucht es solche Orte noch?
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Historischer Zweck und Bedeutung von Archiven
Ein Archiv ist in erster Linie ein Informationsspeicher. Es bemüht sich um die langfristige Erhaltung und Zugänglichkeit der Materialien. Klingt erstmal sehr apolitisch und etwas unspektakulär.
Doch historisch diente das Archiv als Mittel zur Machterhaltung für Klerus und Adel und legitimierte die göttlich gedachte Ordnung der Stände: Aufbewahrt wurden vor allem Urkunden über Landrechte, Privilegien und genealogische Nachweise.
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Im 18. Jahrhundert wurden Archive dem Volk übergeben, heisst enteignet und verstaatlicht. Das Ziel war Transparenz: Archive sollten nicht länger ein Stützpfeiler von Privilegien sein, sondern öffentliche Rechenschaft ermöglichen. Das schafft die symbolische Verschiebung vom „Gedächtnis der Macht“ zum „Gedächtnis der Nation“. Tatsächlich dominierten aber Beamte, Historiker und Akademiker die Nutzung.
Auf staatliche Archive ist kein Verlass
Die kürzliche Löschung zahlreicher Bilder von BiPoC und queeren Menschen aus US-amerikanischen Archiven zeigt, dass (staatliche) Archive kein neutraler Informationsspeicher sind, sondern bestehende Machtverhältnisse reproduzieren.[3]
Archive können wegen begrenzten Ressourcen nicht alles aufbewahren, sie sind selektiv repräsentativ. Es stellen sich die Fragen: Was wird aufbewahrt, was nicht? Wer entscheidet das – und wer profitiert von diesen Entscheidungen?
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Konventionelle sowie staatliche Archive legen ihren Überlieferungsschwerpunkt auf rechtliche Absicherung und einen breiten aktualitätsbezogenen Bestand. Die Geschichte des schweizerischen Feminismus ist bis jetzt kurz und verschwindet schnell in Untiefen der Magazine. Sie bevorzugen greifbares Material – Dinge, die sich leicht einordnen und nach festen Kriterien bewerten lassen. Doch was genau "relevant" ist, darüber haben die Archive die absolute Deutungsmacht.
Dadurch verliert zum Beispiel die emotionale Komponente der Materialien an Bedeutung.[4] Marginalisierte Perspektiven und Wissen, das von der Mehrheitsgesellschaft als nicht legitim angesehen wird, werden unterrepräsentiert. Damit die Geschichten der feministischen Bewegungen des Streikhauses nicht in Vergessenheit geraten, arbeiten wir zukunftsorientiert mit Fokus auf den feministischen Kampf.
"Werft eure Geschichte nicht weg!"
Autonome Archive sorgen dafür,
"dass die Materialien all der Gruppen und Initiativen, die in den letzten 50 Jahren autonome Räume und Gegenentwürfe zur Mehrheitsgesellschaft geschaffen und ausprobiert haben, dauerhaft gesichert und zugänglich gemacht werden." [5]
Wir erheben dabei keinen Anspruch auf Objektivität oder Vollständigkeit, sondern bieten stattdessen eine Gegenerzählung zu den bestehenden Narrativen und wollen Emotionales, Immaterielles, Schräges, Marginalisiertes bewusst hervorheben.
Wir verstehen uns weder als neutralen Ort der Aufbewahrung noch als eine Dienstleistung, sondern als einen aktiven Teil der Bewegung. Wir wollen die Handlungsmacht und Selbstbestimmung von FLINTAQ-Personen zurückerobern, in einer Zeit, in der feministische Utopien unerreichbar erscheinen und
"in der die Fähigkeit, sich kollektiv andere Formen des Lebens in der Welt vorzustellen und zu verwirklichen, zutiefst geschwächt ist." [7]
Unsere Geschichte gehört uns. Darum: Werft eure Geschichte nicht weg – bringt sie ins Archiv!
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Unterstützen
Das archiv115 lebt vom Material, deshalb sind wir auf dich angewiesen. Hast du Flyer oder Sticker bei dir zu Hause rumliegen, die du uns vorbeibringen möchtest? Wir sammeln breit, vielfältig, kollektiv und diskret, um das zu bewahren, was jeden Tag in und um das feministische Streikhaus geschieht.
Uns interessieren die Arbeitsgruppen, Material zu Events, die stattfinden, was im Streikhaus aufliegt und am feministischen Streik verteilt wird. Wir sammeln auch, was im Zusammenhang mit der feministischen Bewegung steht und zum Archiv passt. Dazu gehören Flyer und Broschüren, Sticker und Merchandise, Plakate, Zines, Fotos und vieles mehr. Du bist dir nicht sicher, ob dein Material ins archiv115 gehört? Melde dich bei uns!
Mitmachen
Unsere Sitzungen sind offen für alle und finden in regelmässigen Abständen statt. Du brauchst keine speziellen Vorkenntnisse. Wir vernetzen uns auch gerne mit anderen Kollektiven und Archiven. Wenn ihr Ideen für gemeinsame Aktionen habt oder euch austauschen möchtet, meldet euch bei uns.
Quellenverweise
Bacia, J. (2024, 26. November). Die Kämpfe um autonome Räume und die Bedeutung von Archiven: Was bleibt? | #PopPunkPolitik. Mon Mag - Monacensia München. https://mon-mag.de/die-kaempfe-um-autonome-raeume-und-die-bedeutung-von-archiven-was-bleibt-poppunkpolitik/
Eichhorn, K. (2013). The Archival Turn in Feminism: Outrage in Order. Temple University Press. https://monoskop.org/images/2/27/Eichhorn_Kate_The_Archival_Turn_in_Feminism_Outrage_in_Order_2013.pdf
Solnit , R. (2025), No Straight Road Takes You There: Essays for Uneven Terrain, Haymarketbooks. https://www.haymarketbooks.org/books/2517-no-straight-road-takes-you-there
Zitate
"Um eigene Standpunkte rauszufinden, um von ihrer Wissensvermittlung nicht mehr abhängig zu sein, haben Frauen schon seit einiger Zeit ein Frauenarchiv gegründet. (...) Ein Teil der Unterdrückungsmechanismen gegen uns Frauen in diesem patriarchalen System ist immer gewesen, uns unwissend zu halten, uns falsch oder gar nicht zu informieren und unseren Widerstand zu negieren."[10]
"The archive appears to represent the now of whatever kind of power is being exercised, anywhere, in any place or time." (DE: "Das Archiv verkörpert das Jetzt der Machtausübung, ganz gleich, wo und wann sie stattfindet.") [9]
"Archives are incomplete, partial, and limited and they contain silences. How can we discern such silences and what can be inferred from them? How can we respect the foreign context of a historical document while also making it relevant for our present? Whose history and present are we concerned with exactly?" [8]
"Memory is a power, especially memory that can perceive the large patterns, the longer shifts, just as forgetting and amnesia are vulnerabilities. [...] you can't see the future, but you can understand the patterns and possibilities if you know the past." (Rebecca Solnit) [6]
Fussnoten
[1] Mehr informationen zum Haus findest du auf streikhaus.ch
[2] https://de.climatestrike.ch/w/index.php?title=Konsensprinzip
[3] https://web.archive.org/web/20250722063233/https://www.swr.de/kultur/geschichte/was-bedeutet-die-loeschung-historischer-archivbilder-in-den-usa-medienexperte-100.html
[4] nicht öffentlich aufrufbar
[5] Bacia 2024
[6] Solnit 2015
[7] Eichhorn 2013
[8] Eichhorn 2013
[9] Eichhorn 2013
[10] Flyer für das Frauenarchiv in der Kanzlei aus dem Jahr 1987, heute im Stadtarchiv Zürich
